schatten katzeMeist wünschen wir uns eine freundliche Schmusekatze, die von sich aus die Nähe des Menschen sucht. Ehemalige Streuner und wildgeborene Katzen haben es da natürlich schwerer – es dauert oft sehr lange, bis sie Vertrauen aufbauen. Mit Zeit und Geduld können sich aber auch sehr scheue Tiere eng an einen Menschen binden – wie erklären, wie‘s geht.

Von Lurleen Kleinewig

Dass es allein in Deutschland geschätzt mehr als zwei Millionen Streunerkatzen gibt, ist den meisten Tierfreunden nicht bewusst. Die Katzen leben weitgehend im Verborgenen und fristen ihr Dasein oft unter schlechten Bedingungen. Diejenigen, die eingefangen, medizinisch versorgt, kastriert und zur Vermittlung freigegeben werden, wenn ein erneutes Auswildern nicht möglich ist, haben es normalerweise schwer, ein Zuhause zu finden, und warten mitunter jahrelang auf neue „Dosenöffner“. Der tägliche Stress im Tierheim setzt ihnen dabei zusätzlich extrem zu und führt häufig dazu, dass sich die ängstlichen Tiere noch mehr zurückziehen.

Ehemalige Streuner und wildgeborene Katzen bzw. deren Nachkommen kennen die Menschen entweder nicht oder haben schlechte Erfahrungen gemacht. Misstrauen und Furcht sitzen überaus tief, so dass viel Geduld und Einfühlungsvermögen gefragt sind, um aus einem fauchenden Wildfang eine menschenbezogene Sofakatze zu machen. Gerade Katzenanfänger sind mit dieser Aufgabe meist überfordert. Dabei gibt es nur einige wenige „goldene Regeln“ zu beachten, um einen pelzigen Freund fürs Leben zu gewinnen. Wer schon einmal eine scheue Katze aufgenommen hat, der wird bestätigen, dass diese Tiere sich sehr eng an „ihre/n“ Menschen binden, sobald sie ihre Vorbehalte überwunden haben.

Katzen sind in höchstem Maße anpassungsfähig, und sie sind geborene Opportunisten. Diese beiden Eigenschaften kann man sich zunutze machen. Wer zudem noch eine „Wir haben alle Zeit der Welt“-Einstellung mitbringt, ist perfekt gerüstet.

Der richtige Umgang miteinander

Wie gehe ich konkret vor, wenn ich mich für die Aufnahme einer scheuen Katze entschieden habe?

Unabhängig davon, ob das Tier als Stubentiger mit Freigang oder aber als reiner Freigänger mit Familienanschluss z.B. auf einem Reiterhof leben soll: es macht Sinn, der Katze zunächst einen separaten Raum zur Verfügung zu stellen, in dem sie sich an die neue Umgebung - und nicht zuletzt an ihre/n neuen Menschen - gewöhnen kann. Insbesondere bei zukünftigen Hofkatzen ist es wichtig, dass die Katze „angekommen“ ist, bevor sie wieder in die Freiheit entlassen wird, da man ansonsten riskiert, dass das Tier auf Nimmerwiedersehen verschwindet. Dafür sollte man je nach individuellem Verhalten der Katze bis zu vier Wochen einplanen.

Das Zimmer ist entsprechend der Bedürfnisse scheuer Katzen mit ausreichend Versteckmöglichkeiten auszustatten. Das kann z.B. ein gemütlicher Platz unter dem Bett, ein Kratzbaum mit großer Höhle oder ein mit einer Decke verhängter Transportkorb ohne Tür sein. Futter- und Wassernapf sowie eine große Katzentoilette ohne Haube, dafür mit reichlich Streu sollten in ausreichendem Abstand voneinander aufgestellt werden. Ein kleiner Teppich auf dem Boden und verschiedene Spielzeuge vervollständigen die Einrichtung.

Um die Katze nicht zu verunsichern, sollte in den ersten Wochen immer die gleiche Person füttern und die Katzentoilette reinigen. Empfehlenswert ist es, sich mehrmals täglich für einige Minuten im „Katzenzimmer“ aufzuhalten und mit freundlicher Stimme - am besten in einer höheren Tonlage - das Tier anzusprechen. Auch vorsingen oder vorlesen hat sich bei ängstlichen Katzen bewährt. Ein Leckerli zwischendurch kann sich zusätzlich positiv auswirken.

Keinesfalls sollte man versuchen, das Tier anzufassen oder gar aus seinem Versteck hervorzuholen - das würde die Grundlage für jegliches Vertrauen nachhaltig zerstören. Wenn die Katze Blickkontakt aufnimmt, kann man ihr zuzwinkern und den Blick auf einen Punkt neben ihren Augen richten. Direktes Anstarren empfinden gerade scheue Katzen als sehr bedrohlich. Bitte halten Sie anfangs immer eine gewisse räumliche Distanz ein und achten Sie auch auf die kätzische Körpersprache: angelegte Ohren, geduckte Haltung, abgewandter Blick bedeuten, dass die Katze sich bedrängt fühlt. Dann ist sofortiger Rückzug angeraten, um etwaige panische Reaktionen zu vermeiden.

Die Neugier siegt

Wenn die Katze sich nach einigen Wochen entspannter und aufgeschlossener zeigt, kann man damit beginnen, sie die Wohnung erkunden zu lassen. Zu diesem Zweck wird ihre Zimmertür - zunächst nur für eine begrenzte Zeit - geöffnet. Nach einer Weile siegt bei den meisten Katzen die angeborene Neugier und sie wagen sich nach draußen, um ihre Umgebung in Augenschein zu nehmen. Oft ist der erste Rundgang schnell beendet und die Tiere flüchten sich rasch wieder in die Sicherheit des vertrauten Raumes. Dann kann die Tür geschlossen werden und der nächste Freigang zu einem späteren Zeitpunkt angeboten werde. Sollte die Katze sich gar nicht aus dem Zimmer trauen, ist sie wahrscheinlich noch nicht so weit – man versucht es einfach am nächsten Tag wieder.

Nach und nach wird die Katze ihre Ausflüge außerhalb des gewohnten Zimmers ausdehnen. Lassen Sie zur Sicherheit anfangs noch die Tür dorthin offen, damit stets eine Rückzugsmöglichkeit gegeben ist.  In den ersten Wochen sollte das Tier nicht ohne Aufsicht frei in der Wohnung herumlaufen, besonders dann nicht, wenn noch Artgenossen im Haushalt leben. Es muss sichergestellt sein, dass die Katzen sich untereinander weitgehend akzeptieren, bevor man sie miteinander allein lässt.

Für Hofkatzen, die ganz in die Freiheit entlassen werden, gilt es einen festen Futterplatz an einer geschützten Stelle einzurichten, die leicht zu finden und gut zugänglich ist. Von Vorteil ist es auch, die Tiere bereits während ihrer Eingewöhnungszeit z.B. auf das Klappern einer Trockenfutterdose zu konditionieren, so dass sie sich zur Futterzeit herbeirufen lassen.

Wenn die scheue (Wohnungs-)Katze sich allmählich in den Tagesablauf des Haushalts integriert, wird sie sich auch häufiger ihrem/n Menschen zuwenden. Lassen Sie stets die Katze auf sich zukommen, niemals umgekehrt! Oft finden schon nach relativ kurzer Zeit zaghafte Annäherungsversuche statt, etwa bei gemütlichen Sofaabenden oder nachts im Bett, wenn der Stubentiger denn mit ins Schlafzimmer darf. Lassen Sie die Katze stets ziehen, wenn sie genug hat, und drängen Sie sich nicht auf. Die Halter ehemaliger „Scheuchen“ wissen zu erzählen, dass diese einstmals so ängstlichen Tiere zu regelrechten Schmusemonstern mutieren, sobald sie Vertrauen fassen. Sie fixieren sich allerdings bevorzugt auf einen einzigen Menschen.

Sollten Sie auf der Suche nach einem neuen vierbeinigen Freund sein, öffnen Sie Ihr Herz für eine scheue Katze aus dem Tierheim - sie wird es Ihnen eines Tages mit unerschütterlicher Zuneigung danken.

 

ARKO 8Dieser Artikel erschien erstmals in ARKO, dem Magazin unseres Tierschutzvereins, Ausgabe 8, Dezember 2016.