"Guten Tag, ich muss meinen Hund abgeben." - diesen Satz hören wir im Tierheim Goslar seit einigen Monaten nahezu täglich, oft mehrmals am Tag“, erklärt Sabine Reichardt, 2. Vorsitzende des Tierschutzvereins. „Die pandemiebedingten, unüberlegten Anschaffungen von Haustieren haben ihre Auswirkungen. Hunde, die als Welpen angeschafft wurden, entwickeln nun pubertierende Angewohnheiten und sind ohne Erziehung nicht mehr zu bändigen. Es kommt zu Beißvorfällen. Der Hund muss sofort weg. Anfallende Tierarztkosten können oft sehr hoch sein. Auch das haben sich viele Menschen gar nicht so vorgestellt, als sie sich zur Anschaffung eines Tieres entschieden haben.“

Viele Hundebesitzer merken, dass sie gar nicht mehr die Zeit für die Betreuung ihres Hundes haben. Homeoffice ist Geschichte, der Hund muss plötzlich 9 Stunden alleine bleiben. Das funktioniert dann in der Regel nicht. Der Hund bellt oder zerstört Gegenstände. 

Die Anschaffung eines Hundes bedeutet Verantwortung, und zwar ein Tierleben lang. Jeder sollte sich vorher genau überlegen, ob er dieser Verantwortung gerecht werden kann. Denn sowohl Hunde als auch andere Haustiere haben eigene Bedürfnisse, stellen Anforderungen. Und Hunde reagieren dann eben auch negativ, wenn sie falsch und nicht artgerecht betreut werden. Hilfe bei qualifizierten Hundeerziehungsberater*innen suchen die Betreffenden – wenn überhaupt – oft zu spät und nur kurzfristig. Denn das Abtrainieren unerwünschten Verhaltens der Hunde ist zeitaufwändig und bedarf Geduld und Konsequenz.

„Unser Tierheim kann zurzeit keine Abgabehunde aus privater Hand aufnehmen. Wir sind an der Kapazitätsgrenze. 7 Vermittlungshunde, davon leben einige bereits seit Jahren im Tierheim, sind aufgrund ihres Wesens und den Anforderungen, die eine Vermittlung dieser Hunde erfordert, nicht mehr so leicht vermittelbar. Durch das große Angebot von Welpen, teilweise auch illegal und unseriös angeboten, sind unsere Tierheimhunde mit einem oft unbekannten Vorleben unattraktiv geworden,“ bedauert Reichardt. „Ferienbedingt haben wir zurzeit noch bis zu 4 Pensionshunde, so dass unser Hundehaus mit 13 Boxen nahezu belegt ist. Für mögliche Fundhunde aus unserem vertragsbedingt zuständigen Bereich Goslar und Seesen müssen wir zusätzliche Boxen freihalten. Über die Aufnahme von Tieren, die über das hiesige Veterinäramt fortgenommen werden, entscheiden wir nach Kapazität. Das Veterinäramt hat die Möglichkeit, auch andere Tierheime anzusteuern. Um unsere Kapazitäten im Hundebereich zu vergrößern, arbeiten wir mit Hochdruck an dem Umbau unseres alten Hundehauses. Wir stellen uns dieser finanziellen Herausforderung!“

Nicht nur die Abgabeanfragen von Hunden haben extrem zugenommen. Auch Katzen und Kleintiere können und wollen aus den unterschiedlichsten Gründen nicht mehr behalten werden. Und dass die Abgabe eines Tieres in das Tierheim kostenpflichtig ist, wollen manche Menschen gar nicht glauben. „Das ist doch ihre Aufgabe als Tierheim, das Tier aufzunehmen“, wird regelmäßig behauptet.

„Nein, kein Tierheim muss ein Tier von Privatpersonen aufnehmen“, erläutert Ralf Domroes, 1. Vorsitzender des Tierschutzvereins. „Verpflichtet sind wir lediglich, Fundtiere der Stadt Goslar und Seesen aufzunehmen. Darüber besteht ein Vertrag mit diesen Städten, den wir auch erfüllen. Wir befürchten allerdings, dass die Zahl der Fundhunde oder auch anderer Fundtiere ansteigen wird, wenn aufgrund der Auslastung der Tierheime keine Tiere mehr aufgenommen werden können“.

„Wir appellieren eindringlich an alle Menschen, sich vor der Anschaffung eines Haustieres – egal, ob z. B. Hund, Katze, Meerschweinchen oder Kanarienvogel, detaillierte Gedanken darüber zu machen, was das Tier braucht, wie es gehalten werden sollte, wieviel Zeit für die Betreuung aufgewendet werden muss, wer unter Umständen sich im Urlaubsfall um das Tier kümmern könnte, und letztlich ist uns ganz wichtig, dass sehr genau recherchiert wird, von wem das Tier gekauft/übernommen wird. Es gibt leider viel zu viele schwarze Schafe im Bereich der Tierzuchten“, so Reichardt und Domroes.